KOÇGİRİ

 

Lieber Ali Genç sie sind der Vorsitzende des Vereins der Menschen aus Koçgiri in Europa. Bevor wir zum Verein und zum Clan der Koçgiri kommen die Frage nach ihrer Person. Wer ist Ali Genç?

 

Ich kam am 13.01.1956 in Koçgiri (Sivas), genauer gesagt in einem Dorf namens Sandal, auf die Welt. Bis zu meinem 13. Lebensjahr habe ich in Sandal gelebt, bis mich die Lebensumstände dazu zwangen 1968 nach Istanbul zu migrieren. Istanbul war nicht Koçgiri, denn Kocgiri war Heimat und mit Istanbul lernte ich zum ersten Mal das Gefühl von Heimweh kennen. Hier arbeitete ich bis 1973 und heiratete Hanım Genç (die Enkelin meines Onkels). Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor (vier Mädchen und ein Junge).

Noch im selben Jahr ergriff ich die Chance, die sich mir durch meinen Vater bot, der seit 1970 in Deutschland arbeitete, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen. In Hückelhoven fing ich an, als Bergmann im Steinkohlebergbau zu arbeiten. Diese Arbeit führte ich bis zu meiner Pensionierung fort. Die Arbeit war für mich unumstritten meine wichtigste Lebensgrundlage, aber noch wichtiger waren mir meine Familie und meine Kinder. Vor allen Dingen sah ich und sehe immer noch meine wichtigste Lebensaufgabe darin, in die Bildung und Zukunft meiner Kinder zu investieren. Letztendlich hat das auch Früchte getragen, denn zwei meiner ältesten Töchter sind Ärztinnen geworden, eine ist erfolgreich in der Tourismusbranche tätig, die jüngste Tochter ist Lehrerin und mein jüngster Sohn, der gerade sein Abitur bestanden hat, strebt ein Studium in der Kunsthochschule in Köln an.

Ich bin aktiv in der Politik tätig und engagiere mich für diverse kulturelle, soziale und politische Projekte. Ich bin Vorstandsmitglied der SPD und Abgeordneter des Stadrats in Hückelhoven. Neben all diesen Dingen bin ich der derzeitige Vorsitzende des „Avrupa Koçgirililer Birliği“.

 

Wie würden sie den Begriff „Koçgiri“ in wenigen Sätzen umschreiben?

 

Koçgiri kommt aus dem Kurdischen „goca gır“ und bedeutet wörtlich übersetzt „büyük göç“ also „große Wanderung/Migration“. Er umschreibt eine bestimmte geographische Region in Anatolien, die von Refahiye, Ilic (Erzincan),Hafik, Divrigi, Kangal (Sivas), Sariz, Develi (Kayseri), Saimbeyli ( Adana), bis Göksun (Adana) reicht.Die Kocgiri-Menschen führen ihren Ursprung auf Dersim zurück. Von dort wanderten sie aus und ließen sich überwiegend in den Hauptsiedlungsgebieten Zara und Imranli ( zwei Landkreise von Sivas) nieder. In Europa reicht die Zahl der Kocgiri-Menschen auf 100.0000-150.000.

Den meisten Menschen ist er aber durch die blutige Niederschlagung des Aufstandes von 1920/21 ein Begriff.

 

Welche charakteristischen Eigenheiten lassen sich den Menschen insbesondere zuschreiben?

 

Die Menschen aus Koçgiri weisen eigentlich die typischen charakteristischen Eigenarten auf, die wir von den anatolischen Menschen kennen. Es gibt allerdings zwei Besonderheiten, wodurch sie sich von den anderen unterscheiden. Diese sind die Sprache (kurdisch) und der Glaube (Kızılbaş-Aleviten). Aufgrund dieser Besonderheiten waren sie lange Zeit einer Vertreibungs- und Verfolgungspolitik ausgesetzt und haben sich zunehmend in die bergigen Regionen niedergelassen, weil sie sich dort sicher fühlten.

 

Welche Rolle spielt die Musik für die Menschen in und aus Kocgiri?

 

Da die Geschichte Koçgiris nicht auf zureichend schriftliche Quellen zurückzuführen ist, haben die Menschen die Musik als Möglichkeit für sich entdeckt und dazu verwendet, ihre Geschichten zu erzählen. Die Geschichte der Kocgiri- Menschen ist geprägt von Armut, Auswanderung und Diskriminierung. Ihr Leid findet ihre Übersetzung in der Musik, die sie machen. Insbesondere sind hier die Klagelieder zu nennen, die von Frauen bei Bestattungen gesungen werden. Diese Lieder sind zu einem wichtigen Bestandteil der Koçgiri Kultur geworden, denn in diesen Liedern finden sich viele Menschen aus Koçgiri wieder. Die Musik übernimmt also eine wichtige Erzähl- und Identifikationsfunktion.

 

Was können sie uns zu den Geschehnissen im Jahre 1920 in Koçgiri sagen?

 

Die Geschehnisse wurden damals durch die strikte Politik der Assimilation und Repression ausgelöst. Es herrschte eine Ausnahmesituation und zugleich eine Politik in der Türkei, die Menschen dazu trieb und veranlasste, so einen Aufstand zu planen und versuchen durchzusetzen, weil sie vermutlich keine andere Alternative mehr sahen ihre Ansprüche und Rechte geltend zu machen. Jedoch wurde dieser blutig niedergeschlagen. In diesen Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass es den Kocgiri_-Menschen damals schon und heute in erster Linie darum geht , dass die Grundsätze der Demokratie und die Prinzipien des Laizismus anerkannt werden und umgesetzt werden. Aufgrund ihres Glaubens lehnen sie Gewalt in jeglicher Form ab. Die große Mehrheit unterstützt eine sozialdemokratische Politik, sowohl in der Türkei als auch in Europa. In Europa , insbesondere in Deutschland, sind viele politisch in der SPD und den Grünen aktiv, nennenswert ist z.B. Mürvet Öztük, unsere Landtagsabgeordnete im hessischen Landtag.

 

 

 

 

 

 

Nun wurde vor wenigen Jahren der Verein „Avrupa Koçgirililer Birliği“ gegründet. Welche Ziele verfolgte man damit, wer ist die Zielgruppe und welche Veranstaltungen hat man bereits durchgeführt?

 

Zweck des Vereins ist es, die hier ansässigen Mitbürger, vor allen Dingen die Jugendlichen aus dem Gebiet Koçgiri zur Teilnahme an das gesellschaftliche Zusammenleben zu animieren, daran aktiv zu partizipieren und ihr soziales Umfeld zu erweitern. Dies soll durch Projekte wie der Durchführung von kulturellen Veranstaltungen, gemeinschaftlichen Reisen, der Durchführung von Sportveranstaltungen, durch Förder- und Nachhilfekurse, die Teilnahme an kulturellen Aktivitäten, der Durchführung von Informationsveranstaltungen, die Unterstützung von hilfsbedürftigen Mitmenschen und der materiellen und immateriellen Unterstützung der alevitischen Gemeinden (Cemhäuser) geschehen.

 

Ein Konzert zwecks Unterstützung des Cemhauses in Imranli haben wir am 18.05.2008 veranstaltet. Im Dezember 2008 haben wir gemeinsam mit diversen anderen alevitischen Vereinen in Köln und Umgebung eine Andacht (cem) organisiert. Am 7.12.2009 haben wir mit der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) und der FDG (Föderation der Dersim Gemeinden in Europa) eine Informationsveranstaltung über Dersim in Köln durchgeführt. Am 9.01.2010 folgte wurde eine regionale Kulturveranstaltung zu Koçgiri in Hamburg. Zuletzt fand ein Jugendfestival (gençlik şöleni) in Bergisch-Gladbach statt hat und vom BDAJ Generalsekretär Serdar Akın erfolgreich moderiert wurde. Ich möchte dies nochmals zum Anlass nehmen und mich bei all denen zu bedanken, die an diesem Abend mitgewirkt haben. Nochmals ein herzlicher Dank an die BDAJ, die AABF und die FDG!

 

Almanya Alevi Gençler adına Serdar Akınla yaptığımız Söyleyişi aynen buraya aldım.

Ayrıca bu yazı, Alevilerin sesi dergisinde ve Almanya Alevi birlikleri Federasyonun gençlik sayfasında yaninlandı

 

 

 

 

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Son Güncelleme (Pazartesi, 02 Ağustos 2010 13:19)

 

Sayin Ali Genc yazar katilim tarihi Pazar, 04 Ocak 2009.